André Deloar
 

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— Von Tina Simon

Es sind Segmente aus Architektur; reduzierte, fragmentierte und auf eine definierte Ansicht festgelegte Teile von Bauwerken, die ihre reine Form aussagen. In großzügiger und flächiger Tafelmalerei in Acryl und Öl auf Leinwand entstehen sehr moderne, entwurfartige Abbilder von Gebäudeelementen. Die ruhenden Baukörper, monolithisch verwurzelt in ihrer schweigenden Umgebung und wie naturgesetzlich gewachsen, strahlen das reine, skulpturale Vorhandensein aus.

Deloar arbeitet nach realen Vorbildern. Nach einer Zeichnung oder Fotografie der ausgewählten Ansicht eines Gebäudes baut er es in fiktiver Vervollständigung als Modell in Holz, Karton o.a. nach. Der äußere, optisch verfügbare Teil der Form wird dabei fixiert, und er wird – spekulativ – ergänzt um die nicht sichtbaren Anteile. In diesem Konjunktiv entstehen die Malereien, die wiederum einzelne Elemente eines komplexen architektonischen Gefüges herausstellen oder die Bauwerke zu Torsi reduzieren.

Die Auswirkung von Deloars Blickwinkel, Abstand und Segmentierung und die Befreiung von der Widmung für einen Zweck und dessen Konnotation verschieben die Elemente vom ursprünglich real funktionalen zum rein formellen Dasein. Die Absicht dieser Selektion – etwa bei einem auskragenden Überhang, einem unregelmäßigem Stapel, einer Rundung, Öffnung, Verkleidung, einer Abdeckung oder Begrenzung – bleibt anonym. Bildgenerierend sind allein die Perspektive definierenden Linien, Oberflächenstrukturen und Flächen.

Und vor allem die Farbe. Sie wird in den Werken zum Baustoff und in der wiedererkennbaren Geste des kraftvollen Farbauftrags lässt sich eine aufbauende Bewegung erkennen: Streifen an Streifen entstehen Verkleidungen aus Brettern, im Verfüllen einer Fläche werden Wände errichtet, breite Linien werden zu Kanten, Säulen und Fugen. Die Farbflächen – teils in hellgrünem, rotem oder gelbem Licht betont – bilden singuläre Baukörper, die Statik und Dynamik des Bauens auf die Bildfläche übertragen.

Auf formale Erscheinung reduzierte, zum Teil abstrahierte Architektur ist in der Malerei der Moderne attraktives Thema. In der zeitgenössischen Malerei erscheint das Bauwerk als Skulptur, als Utopie in skizzenhafter Manier oder Formel des Zeitgeistes. Jens Hausmann schält aus der Reduktion die auratische Wirkung von Gebäuden als Ikonen der menschlichen Schöpfung in der Tradition von Le Corbusier, Steffi Deparade-Becker fragmentiert die Bauten zu abstrakten Farb- und Lichtverläufen und Walter Eisler lenkt in seinen menschenleeren Stadt- und Industrieszenen den Blick auf das Gebäude an sich als existenzielles Geschöpf.

Wann wird die Grenze überschritten vom gefügten Material, vom Bau-Körper als bloße formale Dimension zu einem menschlichen Ort, zum ambitionierten Gebäude mit Charakter und Seele? Vitruv hat im 1. Jh. v. Chr. in »De Architectura« von der Mutter aller Künste geschrieben, die auf den Prinzipien von Stabilität [firmitas], Nützlichkeit [utilitas] und Schönheit [venustas] beruht und hat damit die Bewertung von Gebäuden zu zwei Dritteln dem subjektiven Ermessen überlassen.

Deloar agiert genau vor dieser Grenze zwischen formatiertem Baustoff und gewidmetem Gebäude. Seine Mauern, Ecken, Säulen, Vorsprünge, Fassaden und Türme sind abgebildet als Körper und Fläche mit reduziertem Umgebungsbezug, ohne wesentliche Kontexte, ohne Mensch. Die Malereien [und Objekte] des Künstlers fragen nach diesem ambivalenten Verständnis von Bauwerken, fragen danach, ob es der Betrachterstandpunkt ist, der Grad an Vollständigkeit, die erkennbare Funktion, eine soziale, individuelle oder kulturelle Absicht oder eine Demonstration von Zeitgeist, die aus dem Abbild eine potenzielle Funktion erwachsen lassen. Überzeugend gelingt ihm das in der Umkehr: wie viel und was muss einem Bauwerk entzogen werden, damit es sich von seiner Widmung löst und sich zum geometrischen Objekt konzentriert.

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Dr. phil. Tina Simon
Autorin und Publizistin, Leipzig